Sonntag, 28. Dezember 2014

Glaube und Vernunft





Über Bernd Galeskis  „Die Welt des konservativen Katholizismus – am Beispiel Joseph Ratzingers. Sind Glaube und Vernunft wirklich vereinbar?“






Schon der Volksmund weiß, es gibt Dinge, die sind nicht miteinander vereinbar. Man kann sie nicht beide haben, auch wenn man das vielleicht gerne möchte. Er sagt dann: „Man kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen“ und meint damit, für eines der beiden Dinge musst du dich entscheiden.

Jahrtausende lang gab es im Leben der Menschen nur eine „Hochzeit“, und zwar die des Glaubens und der Religion. Es waren dann vor allem die ersten griechischen Materialisten (Epikur, Demokrit, Thales), die eine zweite Weltsicht ins Spiel brachten. Spätestens seit der Renaissance wurde dem metaphysischen Weltbild der Gläubigen eine vernunftgesteuerte Beobachtung des Lebens und des Menschen entgegengestellt. Das Zeitalter der Aufklärung begann. 

Dies hat aber, wie viele es erwarteten hatten, Religion und den Glauben an Übernatürliches nicht zum Verschwinden gebracht. Aber es hat die Religionen verändert. Eine Tendenz ging hin zur Radikalisierung, wie man das heute sehr gut in vielen Strömungen des Islam und den evangelikalen Bewegungen, vor allem in den USA, sehen kann. Die andere Reaktion bestand im Verzicht auf unmittelbaren Machtausübung und doktrinären Zwang und einer Institutionalisierung, die sich der weltlichen Macht zur Seite stellte, um im öffentlichen wie privaten Raum spirituelle Dienstleistungen anzubieten und als ethisch-moralisches Korrektiv zu wirken. 

Das hatte zur Folge, dass zumindest in der wesentlichen Welt die meisten Menschen ihre Zugehörigkeit zu einer Religion eher als kulturell-sozialen Aspekt ihres Lebens empfinden, der sehr gut ohne ein Wörtlichnehmen „heiliger Bücher“ auskommt. Sie haben kein Problem damit, die Wundergeschichten um Jesus, sowie den Schöpfungsbericht der Genesis in das Land der Märchen und Fabeln zu verweisen und sich mit einem entmystifizierten Sinn- und Trostangebot zufrieden zu geben. Ihr Gefühl, „dass es da draußen noch irgendetwas gibt“ ist abstrakt genug, um nicht mit ihrem ansonsten materialistischen Weltbild zu kollidieren. Tatsächlich tanzen sie nur auf der einen Hochzeit, aber das Gefühl, jederzeit auch noch die andere besuchen zu können, beschert ihnen eine gewisse Gelassenheit und befriedigt ihr mehr oder weniger stark ausgeprägtes spirituelles Bedürfnis.

Natürlich gibt es unter den Gläubigen auch solche, denen eine solche Halbherzigkeit nicht reicht. Nicht für sich, aber auch nicht für ihre Religion als Institution. Es mag nicht verwundern, diese Personen vor allem in der Theologenschaft zu finden. Aus diesen Kreisen kommen immer wieder Versuche in die Öffentlichkeit, den Spagat zwischen Vernunft und Glaube zu vollziehen, ohne dem einen oder dem anderen Gewalt anzutun. An ihrer Spitze steht der emeritierte Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger. In seinem Buch „Einführung in das Christentum“, sowie in anderen Publikationen und Reden versuchte er, die Vereinbarkeit von Glauben und Vernunft zu belegen. Innerhalb des konservativen Katholizismus hat sein Denken nach wie vor großen Einfluss.

Bernd Galeski, ehemaliger Zeuge Jehovas und mittlerweile überzeugter Atheist, hat sich ausführlich mit der Argumentation Ratzingers beschäftigt. Akribisch folgt er in seinem Buch „Die Welt das konservativen Katholizismus – Am Beispiel Joseph Ratzingers“ der Argumentationslinie des katholischen Intellektuellen und spürt dabei Lücken, Widersprüche und falsche Schlussfolgerungen auf. Er stellt fest: In dem Bemühen die Vernünftigkeit seines Glaubens zu beweisen, lässt Ratzinger deutlich erkennen, dass er nicht in der Lage ist, sich eine Welt ohne Gottesbezug auch nur vorzustellen. Für keinen Moment gelingt es ihm, sich in die Position eines Menschen ohne Glauben zu versetzen. Glaube ohne Vernunft, Glaube mit Vernunft, beides ist für ihn eine Option, aber Vernunft ohne Glaube ist für ihn ein „Non-Scenario“, das er nur meiden, in das sein Denken aber nicht wirklich eindringen kann. Er vermag nur es in den schwärzesten Farben auszumalen. In dieser reflexartigen, ja instinktiven Ablehnungshaltung geht er soweit, dem Leben ohne Glauben Sinn und Inhalt abzusprechen.

Im Gegensatz dazu ist es den Ausführungen Galeskis jederzeit anzumerken, dass die Gedankenwelt eines Gläubigen für ihn weder fremdes, noch vermintes Terrain ist, welches zu betreten er sich nicht wirklich getraute.  Er hat die Jahre seiner tiefen Gläubigkeit, potenziert noch durch das Aufwachsen und Leben in einer fundamentalistischen Sekte, nicht vergessen. So kommt er dem Gläubigen Ratzinger wesentlich näher, als dieser einem Ungläubigen oder Atheisten je könnte. Und auch wenn der Autor keinen Hehl daraus macht, mit dem Gegenstand seiner Betrachtung von Grund auf uneins zu sein, gibt er seinem gegenüber die Chance, seinen Glauben auf eine vernunftgemäße Basis zu stellen. Dass Ratzinger dies nicht gelingt, ist nicht die Schuld des Autors, sondern, und das zeigen Galeskis Ausführungen deutlich, hat seine Ursache in den aller Vernunft widersprechenden Grundlagen jenes Glaubens. Anders als der diesseitige Mensch, der zwar alle Fragen mit Hilfe der Vernunft zu beantworten sucht, sich dabei aber auch stets bewusst ist, niemals alle Fragen beantworten zu können, greift der Gläubige auf Antworten zurück, die jenseits jeder Beweis- oder Widerlegbarkeit liegen.

Aber mehr als nur der Konflikt Materialismus versus Metaphysik stehen hier im Raum. Es geht auch um die Frage, was den Menschen wirklich ausmacht und worin sich sein Menschsein begründet. Hierin, das wird in dem Buch sehr deutlich, besteht die große Gefahr, die von einer Weltsicht, wie Ratzinger sie vertritt, ausgeht. Sie hat die Tendenz zur Exklusivität und schließt Andersdenkende nicht nur aus, sondern negiert ihre Existenzgrundlage. Sie ist der Kern, aus dem religiöser Fundamentalismus erwächst.

Die Welt des konservativen Katholizismus ist kein Buch, das man mal so im Vorbeigehen liest. So, wie sich Galeski in die Gedankengänge des katholischen Vordenkers vertieft hat, verlangt es eine Vertiefung in die Gegenargumentation seitens des Lesers. Aber er wird diese Mühe und die Zeit nicht als vertan ansehen, selbst wenn er mit dem Autor nicht in allem konform geht. Haben wir es doch hier mit der Art kritischer Auseinandersetzung mit Religion und Glaube zu tun, die unsere Gesellschaft so bitter nötig hat. Sei es nun in Verbindung mit dem Christentum oder dem Islam.

Tectum Verlag – ISBN 978-3-8288-3457-6

Sonntag, 2. November 2014

Goodbye, Jehova!





Zugegeben, mich interessieren Aussteigerberichte von ehemaligen Zeugen Jehovas nicht mehr besonders. Das ist nicht abwertend gemeint. Als ich die Zeugen Jehovas verließ, habe ich diese Erzählungen verschlungen und sie waren mir eine große Hilfe. Es ist gut, dass es diese Berichte gibt und ich habe auf diesem Blog ja auch meinen Weg aus der Sekte geschildert.

Aber man entwickelt sich weiter. Andere Dinge nehmen an Wichtigkeit zu und man stellt fest, all diese Beschreibungen ähneln sich doch sehr. Irgendwann erfährt man nichts mehr Neues. Man trägt seine eigene Geschichte im Gepäck und das ist mehr als genug. Hinzu kommt, dass nicht jeder, der eine Sekte verlässt und seinem Mitteilungsbedürfnis nachkommt, auch wirklich die Fähigkeit besitzt, seine Erfahrungen adäquat auszudrücken.

Rückblickend auf meine eigene Auseinandersetzung mit meinem Leben als Zeuge Jehovas und der Unmittelbarkeit meiner ersten Beschreibungsversuche, die mir heute übertrieben ernst und unangenehm larmoyant vorkommen, bin ich der Meinung, eine wirkliche treffende Schilderung des Sektenphänomens und des notwendigen Abnabelungsprozesses kann nur aus großem Abstand und durch eine, nicht an die eigene Erfahrung gekoppelte Sichtweise gelingen. 

Von daher begegnete Ich Misha Anouks Ankündigung eines Buches über sein Leben bei den Zeugen mit recht großer Skepsis. Und tatsächlich hätte ich das Buch nicht gekauft, wäre ich nicht ein regelmäßiger Leser sein Blogs indub.io. Zwar las ich auch seine Beiträge über die Zeugen Jehovas, aber was mich wirklich begeistert, ist die Unermüdlichkeit, mit der er versucht hinter das Offensichtliche zu schauen, das Wirrwarr medialer Berichterstattung zu durchleuchten und selbsternannten Verschwörungsaposteln mit Fakten ihr paranoides Wasser abzugraben.

Mein erster Gedanke, als ich das Buch in der Hand hielt war: Dies ist kein leichtgewichtiges Pamphlet. Immerhin umfasst es mehr als fünfhundert Seiten. Das ist zwar kein Hinweis auf die Qualität seines Inhaltes, aber, so dachte ich mir, wenn es denn nicht bis zum Rand angefüttert ist mit privaten Anekdoten, wird es vielleicht mehr enthalten, als reine Opfer-Litanei und wütendes Wachtturmgesellschaft-Bashing.

Ich habe mich nicht getäuscht. Misha Anouks Buch ist mehr als nur ein Aussteigerbericht, mehr als die Autobiografie eines Sektenaussteigers und mehr als eine Abrechnung mit einem manipulativen System, dem er von Kindheit an unterworfen war. Es ist die Sezierung einer Kindheit und Jugend unter dem Zeichen eines absolutistischen Wahrheitsbegriffes. Nur liegt da keine Leiche auf dem Tisch, sondern ein fröhlich-wortgewandtes Individuum, dem seine Sektenerfahrung nicht den Humor und den klaren Blick aus der Seele geblasen hat. Ironischer Rückblick und intelligente Reflektion  gehen in dem Text Hand in Hand und drücken das aus, was das Leben innerhalb solcher in sich geschlossener Gemeinschaften ausmacht: Ein Gemisch aus positiven Erfahrungen verbunden mit einer nicht aufzudröselnden Verwirrung, latenten Zweifeln und allgegenwärtiger Angst. Das ist nicht zu beschreiben, man kann es nur nebeneinander stellen, und genau das macht Misha Anouk. Es mag Leser geben, denen diese Sprünge unangenehm auffallen, ich selber empfinde sie als passendes Mittel genau jene Gleichzeitigkeit darzustellen, die man innerhalb einer Sekte erfährt. Es war, so beschreibt Misha es ja auch, nicht alles schlecht. Aber dieses Gute war dennoch anders, weil es in einem Kontext erlebt wurde, der letztendlich einengend und beängstigend war.

Abgesehen davon empfand ich dieses Buch auf einer ganz persönlichen Ebene als ein Erlebnis. Denn unglaublich vieles von dem, was Misha Anouk erzählt, habe ich ähnlich erlebt. Auch meine Eltern waren eifrige Zeugen Jehovas – keine Missionare wie Mishas Eltern, aber Bethelmitarbeiter und vor der Geburt meines ältesten Bruders Sonderpioniere. Ich habe den gleichen Erwartungsdruck durchlebt, die gleichen Konfrontationen meiner musisch-sensiblen Innenwelt, die sich gerne in Fantasiewelten flüchtete, mit dem von den Zeugen vorgelebten Endzeit-Pragmatismus, die Sehnsucht nach dem Sinnlichen, die in ständigem Konflikt stand zum körperfeindlichen Fundamentalismus meines Umfeldes.

Auch Mishas Beurteilung was die Motivation der Führung der Zeugen Jehovas betrifft teile ich. Er schreibt:

„Ich bin überzeugt, dass der Großteil der leitenden Körperschaft selber glaubt, was sie lehrt. Sie sind ebenso Verführte, Opfer der Umstände wie der gemeine Zeuge Jehovas. Viele sind selbst in der Wahrheit geboren worden, aufgewachsen in diesem Morast aus irreführender Bibelexegese und moralischer Besitzstandswahrung. Zwar wissen sie womöglich, dass ihr Lehrgebäude marode ist…Aber stellen sie nur einen Baustein dieses Kartenhauses in Frage, so fällt alles zusammen. Ihr Unterbewusstsein weiß es, aber sie können es nicht zugeben.“

Vergleiche ich Mishas Weg aus der Sekte mit meinem eigenen, so finde ich diese Worte bestätigt. Bei allen Parallelen, die unsere Kindheits- und Jugenderlebnisse bilden, hat er in dem sehr sensiblen Alter von siebzehn, achtzehn Jahren die Abnabelung gewagt. Auch ich stand in diesem Alter kurz davor. Aber die Freundschaft zu einer Zeugin Jehovas hat mich davon abgehalten. Ich ließ mich taufen und war danach noch über zwei Jahrzehnte ein eifriger Zeuge. Es sind oftmals Zufälle, die über unser Leben entscheiden, Einflüsse, denen wir unwillkürlich ausgesetzt sind. Hätte einer der Glieder der leitenden Körperschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt den richtigen Menschen getroffen, das richtige Buch gelesen, einen Unfall gehabt oder einen bestimmten Film gesehen, vielleicht wäre er heute einer der bekanntesten Abtrünnigen. So aber ist er eines der Räder, welches die Maschinerie am Laufen halten.

Goodbye, Jehova ist ein Buch, dessen Titel hält, was er verspricht. Es ist ein Abschied. Kein Blick zurück im Zorn, keine Abrechnung, aber beileibe auch kein nostalgisches Schwelgen in Kindheitserinnerungen. Es ist die leichtfüßige, aber nicht leichtfertige Begehung eines verminten Terrains, nebenbei kurzweiliges Zeitdokument und Beweis dafür, wie man in sich zeitgemäß dem Unzeitgemäßen nähern kann. Man kann es jedem empfehlen, der noch nie etwas über Zeugen Jehovas gehört hat. Man kann es jedem empfehlen, der noch bei den Zeugen Jehovas ist. Man kann es jedem empfehlen, der gerade dabei ist, die Zeugen Jehovas zu verlassen. Man kann es jedem empfehlen, der die Zeugen Jehovas verlassen hat. Man kann es jedem empfehlen.